Die Gertrudenkirche

 

Stellen Sie sich den Remarquering vor ca. 1300 Jahren vor,

ein Sandweg mit Fahrspuren von Viehfuhrwerken und einem ausgetretenen Fußweg. Zu der Zeit waren die Flächen zu 4/5 mit dichtem Wald und der Rest mit gerodeten einfachen Feldern oder Sandwegen bedeckt. Einzelne Gehöfte und leicht befestigte Güter lagen verstreut im Lande, Osnabrück gab es noch nicht. Bewohnt wurde das Land lt. Tacitus einem römischen Geschichtsschreiber von einer Untergruppe der Cheruskern den Chasiarier  =  Haseanwohnen. Die Hase hieß zu der Zeit Osen, Osna,Osen oder Osning.   

Die Hase führte wesentlich mehr Wasser als heute und die Ufer der Hase waren sumpfig, nur zwischen Gertrudenberg und Westerberg war eine Querung möglich. Heute ca. der Bereich zwischen Pernickelturm und Angerbrücke. Nur dort war das Wasser seicht und die Ufer fest. Nach rechts und links wurden die Ufer sumpfig. Die Querung war wahrscheinlich zu Anfang nur mittels waten durch das Wasser, später Fähren mit flache Kähnen (Nachen), danach mittels eines einfachen Holzstegs für Fußreisende möglich. Später entstand wohl eine Brücke für Fuhrwerke, Mensch und Vieh.

An dieser Stelle befand sich die Kreuzung von Handelswegen hauptsächlich römischer Kaufleute, als Sandweg und in den Sumpfgebieten als Knüppeldamm.

 

Oberhalb der  Hase führten diese Handelswege:

Handelsweg nach nordwesten ungefähr Richtung Bramsche zum Emsland dann zur Nordsee

 

Handelsweg nach osten Richtung heutigem Ostdeutschland ungefähr Fledder / Mellerstrasse

 

Handelsweg nach  nordosten Richtung Hamburg über Liebigstrasse, Schlachthofstrasse dann zwischen Schinkelberg und Limberg

 

Über die Hase: südwesten

Handelsweg nach südwesten Richtung Niederlande heutiger Verlauf ungefähr Pagenstecherstrasse

 

Handelsweg nach süden  Richtung Münster/Tecklenburg dann heutiges Ruhrgebiet zum Hellweg

 

Handelsweg nach südwesten Richtung Iburg dann in´s heute Lippische

 

Da der Gertrudenberg der Handelskreuzung am nächsten lag wurde im 7. Jahrhundert ca. 680 – 690 eine Michaeliskapelle auf dem Gertrudenberg auf einem heidnischen Heiligtum errichtet. An belebten Handelskreuzungen war es üblich so etwas zu bauen. Ob es dort schon Vorläufer der Gertrudenberger Höhlen gab ist unbekannt, evtl. eine kleine natürlich ausgewaschene Höhle.

Die in der Gertrudenkirche enthaltene Michaeliskapelle ist wohl das älteste erhaltene und im Originalzustand begehbare steinerne Gebäude im Raum Osnabrück.

 

Um ca. 785 wurde der erste Vorläufer des Osnabrücker Domes errichtet, um 800 geschah die Gründung des Bistums Osnabrück durch Karl d. Großen.

Um 804 Gründung des Carolinum´s durch Karl d. Großen.

 

Um 1080 begann Bischof Benno II die Kapelle mit einer Kirche des späteren Klosters zu überbauen. Die heutige Gertrudenkirche, die er der hl. Gertrud von Nivelles (* 626; † 17. März 659), weihte. Sie war Äbtissin des Klosters Nivelles in Belgien und wird in der römisch-katholischen Kirche als Jungfrau und Heilige des fahrenden Volkes b.z.w. der Reisenden und gegen Ratten- und Mäuseplagen verehrt. Die Auswahl Gertrudes könnte mit der nahen Handelskreuzung in Verbindung gebracht werde.

 

Abbruch des Klosterbau´s weil die vorgesehenen Klosterfrauen des Klosters Herzebrock, welche sehr weltlich lebten – was Benno missfiel – sich nicht den strengen Benediktinerregeln unterwerfen wollten. Ungefähr 120 Jahre später unter Bischof Udo von Steinfurt wurde das Kloster dann weiter gebaut. Vollendet und von Klosterfrauen um 1142 unter Phillip von Katzenellenbogen bezogen. Es galten von Beginn die strengen Regeln der Benediktiner. Von 1249 wird von einem gemeinsamen Schlafsaal der Nonnen berichtet.

Das Kloster wurde mit mehreren Zehnten z.B. dem der Nürenburg an der Langen Wand (heute nicht mehr sichtbar da alle Mauen, die bis in die 1940er Jahre teilweise vorhanden waren der Expansion des Osnabrücker Kupfer- Drahtwerkes, der heutigen Firma Kabelmetal zum Opfer fielen. Die Klosterfrauen vervielfältigten kunstvolle Bücher auf Pergament, später brauten sie auch Bier und fertigten Tuch. Den Bürgern Osnabrück´s waren die florierenden Geschäfte des Klosters nicht genehm und sie steckten es um 1280 in Brand und räuberten es aus ( Chronik: die Glocken wurden zerschlagen und im Sacke in die Stadt getragen). Um 1281 wurden die Osnabrücker vom Bischof verurteilt das Kloster zu deren Kosten wieder instand zu setzen, was dann auch geschah.

 

In den 1920er Jahren der Inflation war der Osnabrücker Schriftsteller Remarque hier mehrere Jahre als Organist tätig, damit verdiente er sich jeweils eine komfortable Mahlzeit und eine Flasche Wein, wie er in seinem Werk „Der schwarze Obelisk“ schreibt.

 

 

 

In der Gertrudenkiche, der ältesten Kirche Osnabrück´s befindet sich heute noch die Michaeliskapelle als Erdgeschoß des Turmes. Dort findet sich seit ca. Ostern 2013 ein Kaffeetreffpunkt – wir nannten ihn Projekt „offene Gertrudenkirche“ und wird ausschließlich von ehrenamtlichen betreut.

 

Die „offene Gertrudenkirche“ hat den Zweck die älteste Kirche Osnabrück´s der Öffenlichkeit, außerhalb der sonntäglichen Gottesdienstzeiten:

röm-kath. 8:15Uhr

ev-. luth.  9:15Uhr

zugänglich zu machen und Besuchern in einem einfachen Cafe´ etwas anzubieten zu können.

 

Das Cafe´ ist geöffnet:

Mittwochs  14:30 – 16:30      mit Livemusik | Pastor Heyl – bei Bedarf offenes Gospelsingen oder einer Amateurband.

Freitags      14:30 – 16:30

Samstags    14:30 – 16:30 derzeit wg. Personalmangel nicht

Sonntags    14:30 – 16:30

 

Sie können aber zu den Öffnungszeiten auch einfach zum Gebet, meditieren oder zu Gesprächen kommen.

 

Die meisten Osnabrücker kennen diese älteste Kirche nicht oder wenn denn nur von außen. In der Kirche befindet sich die original Michaeliskapelle, das Cafe´ und der einzige erhaltene barocke Hochaltar Osnabrück´s und Umgebung welcher 1729 hier erstmals nach Maß aufgestellt wurde.

Das Kirchengebäude stellt heute ungefähr den Zustand von 1350 dar, nachdem in den 1970er Jahren die Kriegsschäden beseitigt wurden.

 

Es geht das Gerücht um, dass immer noch die Glocken aus dem 15-16ten Jahrhundert im Turm hängen, da man in Kriegszeiten vergessen hat sie einzuschmelzen.

 

Die offene Gertrudenkirche ist auch ein schöner Abschluss nach einem Besuch des Bürgerpark´s und falls es einmal möglich sein sollte nach einem Besuch der „Gertrudenberger Höhlen“. Der Verein der Gertrudenberger Höhlen arbeitet mit dem Projekt „offene Gertrudenkirche“ zusammen.

 

 

 

 

 

 

Osnabrück, 02.01.2015 / WerNer Lühring